Belfast schließlich präsentiert sich von seiner besten Seite. Alles ist weihnachtlich geschmückt. Eine wesentlich kleinere Version von London, mit tollerem Dialekt. Der heiß ersehnte Continental Christmas Market erfüllt alle Hoffnungen und Erwartungen: Kokosmakronen, Bratwurst, Raclette und die obligatorischen Knobi-Champignons. Der Markt ist direkt vor der City Hall und wird von einem überdimensionalen Riesenrad überragt. Auch hier macht sich jedoch wieder die irische Eigenart bemerkbar, die Außentemperaturen komplett zu ignorieren. "-40 Grad: der Ire denkt darüber nach, seine Flip Flops für festes Schuhwerk einzutauschen.". Tief in seinem Innern hält der Ire sich für einen Mittelmeereuropäer und weigert sich darum konsequent, die ganz und gar nicht mediterranen Temperaturen anzuerkennen. Auch hier im Norden.
Überhaupt sind die Unterschiede erst auf den zweiten Blick bemerkbar. Im Stadtzentrum von Belfast merkt man von Terror und Teilung nichts. Einzig die Tatsache, dass es am Bahnhof keinerlei Schließfächer oder ähnliches gibt, ist ein kleiner Hinweis auf die blutige jüngere Geschichte. Anders ist die Lage jedoch in den Bezirken Shankill und Falls, unweit der Innenstadt. Die Shankill Road liegt im protestantischen Arbeiterviertel, während die Falls Road den Beginn des katholischen Teiles markiert. Beide Viertel grenzen aneinander und sind getrennt durch die "Peaceline", deren Tore am Abend geschlossen werden. In der Dämmerung ist dieser Anblick besonders bedrückend. Gleiches gilt für die teilweise beägstigenden Wandmalereien in beiden Teilen der Stadt. Unser Taxifahrer auf der Black Cab Tour gibt sich größte Mühe, den Konflikt neutral zu schildern. Dennoch ging mir die ganze Zeit über einfach nicht aus dem Kopf, dass es diese Black Cab Tours überhaupt nur deshalb gibt, weil es bis vor 10, 15 Jahren einfach zu gefährlich war mit dem Bus zu fahren, aufgrund der vielen Bombenanschläge.
Unseren vorletzten Tag in Nordirland verbrachten wir dann auf einer Paddywaggon-Tour zum Giant's Causeway und nach Derry. Auf einem Zwischenstopp in Carrick-a-Rede erhaschten wir einen Blick über die irische See herüber nach Schottland, das nur 20 Meilen entfernt ist. Die gesamte Landschaft dort im Norden erinnert an Schottland, ganz besonders die vielen schneebedeckten Berge. Nichtsdestotrotz geht der Ire auch bei diesen frostigen Temperaturen ungerührt surfen, wie wir auf dem Weg Richtung Giant's Causeway sehen durften. Vor Ort dann auch erstmal Hagel, wie sich's gehört.
Danach ging es weiter nach Derry. Die Stadt liegt direkt an der Grenze zur Republik Irland. Hier fand 1972 das Massaker statt, das U2 in ihrem Song "Sunday, Bloody Sunday" besingen. Die britische Armee erschoß 14 Menschen, die an einer Demonstration für Gleichberechtigung von Katholiken teilnahmen. In Derry, das offiziell weiterhin Londoderry heißt, ist der Nordirlandkonflikt noch immer spürbar und erscheint mir greifbarer als in Belfast. Das liegt vielleicht auch daran, dass der Friedhof der Stadt direkt am Hang gelegen ist und so fast von überall in der Stadt zu sehen ist. So scheinen die Toten über Derry zu blicken. "Stranded in this spooky town...", denke ich.
Rory, der Guide der uns durch Derry führt, grüßt jeden zweiten Passanten auf der Straße mit Namen. Ganz anders als der Fahrer auf der Black Cab Tour versucht Rory erst garnicht seine Meinung und Herkunft zu verbergen. "I'll never recognize any form of British authority" sagt er. Und erzählt in einer oft fast zu bildhaften Sprache, dass die Menschen hier nicht die IRA sondern die britische Armee als Terroristen wahrnehmen. Dass die Soldaten hier das Recht hatten, jeden der ihnen verdächtig erschien ohne Grund und für unbestimmte Zeit festzuhalten und dass Margaret Thatcher der Antichrist ist.